Mörderisch gut: Ben Kingsley im großen LOVEFiLM-InterviewEr hat schon Nobelpreisträger, Moses und Lenin verkörpert und gilt als einer der größten Schauspieler unserer Zeit: Der in England als Sohn eines indischstämmigen Arztes und eines russisch-britischen Models geborene Schauspieler Krishna Banji machte unter seinem Künstlernamen Ben Kingsley schnell Karriere. In den sechziger Jahren trat er der legendären Royal Shakespeare Company bei, 1982 gewann er dann für seine Rolle als Gandhi einen Oscar – seitdem kennt man ihn überall auf der Welt. Auf der Berlinale 2008 stellte er gleich mit zwei Filmen sein Ausnahmetalent unter Beweis: In der Literaturverfilmung Elegy oder die Kunst zu lieben (mit Penélope Cruz als Partnerin) gab er den verliebten Professor, während er im Eisenbahn-Thriller Transsiberian als undurchsichtiger Russen glänzt. Wir haben uns mit Sir Ben Kingsley über seine Rollenwahl, Taxifahrer, Spitznamen und ein Huhn namens Ethel unterhalten.
LOVEFiLM: Mr. Kingsley, nach welchen Kriterien gehen Sie denn bei der Wahl Ihrer Rollen vor?
Ben Kingsley: Ich finde Figuren dann am interessantesten, wenn man sie nach und nach entdecken kann. Dabei ist es nicht schlimm, wenn das Publikum sie nicht mag. Für mich ist es immer wichtig, die menschliche Seite einer Figur herauszufinden – ist das passiert, dreht sich alles um diesen zentralen Punkt und die Rolle macht Sinn für mich. Bei Don Logan aus Sexy Beast war es zum Beispiel so, dass er als Kind missbraucht wurde: Er will geliebt werden, ist aber gleichzeitig gewalttätig. Das ist eine ganz klassische Verhaltensweise. Als mir das bewusst geworden war, kam alles andere fast von alleine. LF: Wie war denn die Zusammenarbeit mit Ihren „Transsiberian“-Kollegen?
BK: Emily Mortimer ist eine tolle Schauspielerin, mit der ich sehr gerne zusammengearbeitet habe; auch die Arbeit mit Thomas Kretschmann hat viel Spaß gemacht. An Brad Anderson mag ich besonders, dass er ein sehr präziser Regisseur ist. Er weiß ganz genau, wie sein Film aussehen soll. Dabei arbeitet er wie ein Komponist: Er reiht einen Ton an den anderen und ist sich dabei völlig im Klaren, wie der Aufbau, die Farben und die überraschenden Gewaltakte aussehen sollen. LF: Nach „Transsiberian“ standen Sie für Isabel Coixet in „Elegy“ vor der Kamera. Ein völlig anderer Film…
BK: Isabel ist auch von anderen Dingen fasziniert: Sie interessiert sich für die Beziehung zwischen Leben, Liebe und Tod – und für das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Ich habe in meiner Karriere viele isolierte Männer gespielt, Grinko ist nur einer davon. Die Rolle bei Isabel ist anders: Dieser Kapesh lebt in einer Gefühlswelt, die Grinko nie zulassen würde; er ist ein Sklave seiner Gefühle. Für mich sind diese Figuren aber miteinander verbunden. Wir haben beide Seiten in uns. Jeder von uns hat, bei allem Respekt, einen Don Logan aus „Sexy Beast“ ebenso in sich wie einen Mahatma Gandhi. Das ist so, glauben Sie mir. Wir haben diese Gegensätze in uns.
LF: Der von Ihnen in "Transsiberian" gespielte Grinko ist ein äußerst zwiespältiger Charakter. Dabei waren Sie doch nach Ihrem Durchbruch als Gandhi jahrelang auf das Image…
BK: …des anständigen Menschen festgelegt, ich weiß! Jetzt spiele ich aber oft die Bösewichte. Und wenn Sie mich fragen, ob ich das bedaure, dann muss ich Sie enttäuschen. Zu Beginn meiner Filmkarriere habe ich die Ehrsamkeit gründlich erforscht, aber das Leben ist zum Glück ständig in Bewegung. Jetzt pendeln meine Rollen eben auch auf die andere Seite. Als mir das Buch zu „Sexy Beast“ gegeben wurde, wusste ich sofort: Das ist er! Das ist die Figur, auf die ich gewartet habe. Ich bin sehr dankbar für „Gandhi“ und all die Filme, die ich danach machen durfte. Ebenso dankbar bin ich aber auch für „Sexy Beast“ und dem, was dann kam. LF: Sie sind vor ein paar Jahren zum “Sir” ernannt worden. Was bedeutet das für Sie?
BK: Das kommt mir wie eine Umarmung von England vor. Die Engländer sind ja sehr zurückhaltend – ganz anders als zum Beispiel die Amerikaner, die auf mich zukommen, lächeln und mir sagen, wie sehr sie meine Arbeit mögen. In England dagegen passiert mir so etwas nie. Aus diesem Grund fand ich diese Ehrung so befriedigend. Es war so, als ob der Premierminister und die Queen gesagt hätten: „Ja, wir wissen, dass es Dich gibt.“ LF: Stimmt es, dass Sie sich auch bei Dreharbeiten gerne mit „Sir Ben“ ansprechen lassen?
BK: Ach, das ist so etwas wie ein Spitzname geworden – so wie Benji zum Beispiel. Für mich ist das eher ein Spaß. LF: Bereiten Sie sich auf Filme wie „Transsiberian“ besonders vor?
BK: Schon als Schuljunge war ich von Zügen, Maschinen und Lokomotiven fasziniert. Ich reise auch gerne mit dem Zug, trotzdem kam es mir nicht in den Sinn, die Strecke vorher einmal abzufahren. Das ist aber bei jedem Schauspieler andres. Für mich ist das Drehbuch ausschlaggebend, damit beschäftige ich mich gründlich. Als ich dann am Set vor dem Zug im Schnee stand, brauchte ich keine Minuten, um mich einzufinden. Interessanter fand ich da schon einen russischen Taxifahrer, der mich einmal durch Los Angeles gefahren hat. Oder den Kellner in einem russischen Restaurant, in dem ich gegessen habe. Oder die Russen im Zentrum von L.A., die man besser nicht zu lange anschaut. Als mir die Rolle des Grinko angeboten wurde, hatte ich das Gefühl: Den kenne ich. Er ist der Taxifahrer, der Kellner und der Bursche, den ich zu lang angestarrt hatte.
LF: Sie verbringen viel Zeit damit, Leute zu beobachten und deren Verhaltensweisen abzuspeichern. Gibt es auch Momente, in denen Sie einfach abschalten können?
BK: Ja, erst gestern hatte ich so einen Tag. Ich bin durch meinen Garten spaziert, habe im Hühnerstall nach Eiern gesucht und abends das Essen gekocht. LF: Wie viele Hühner haben Sie denn?
BK: Nur eines. Sie gibt sich mir aber völlig hin (lacht). LF: Hat Ihr Huhn auch einen Namen?
BK: Ja, sie heißt Ethel. LF: Wie kamen Sie denn darauf, sich ein Huhn zuzulegen?
BK: Ich lebe auf dem Land nahe Oxford, da ist viel Platz für Tiere. Und ich mag das Geräusch von Hühnern. Mein Huhn ist wirklich süß, es hat eine ziemlich ausgeprägte Persönlichkeit.
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