Was geschah wirklich mit Baby Jane? Details

Was geschah wirklich mit Baby Jane?
Format: FSK: 16 DVD
Darsteller: Bette Davis, Joan Crawford, Victor Buono, Wesley Addy, Anna Lee, Julie Allred, Maidie Norman, Anne Barton, Dave Willock, William Aldrich, Russ Conway
Regisseur: Robert Aldrich
Genre: Thriller - Sonstiges
Studio: Warner Home Video
Originaltitel Whatever Happened to Baby Jane?
Titel Discs
Was geschah wirklich mit Baby Jane?
16 Hauptfilm
Was geschah wirklich mit Baby Jane? - Bonus DVD
16 Bonus

DVD Details

Laufzeit: 2 Stunden 9 Minuten
Erscheinungsdatum: 10. Nov 2006
Sprache: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch, Dänisch, Dt. f. Hörg., Engl. f. Hörg., Finnisch, Griechisch, Norwegisch, Polnisch, Portugiesisch, Schwedisch
Schreiben Sie Ihre eigene Kritik

Beste Kritik Was geschah wirklich mit Baby Jane?

  • Mitgliederkritik

    Bewertung - 5.0 Sternen  
    Nach ein mitglied aus DE , 19. Jul 2008

    [Hoch bewerteter Kritikenschreiber]

    ACHTUNG: Ich habe die folgende recht lange Rezension mal aus Spaß an der Freud der Filmanalyse geschrieben. Ob das was taugt, beurteilt bitte selbst, aber WARNUNG: Der Plot und das Ende werden verraten...

    Psychothriller ist ein weit gespannter und manchmal etwas inflationär gebrauchter Begriff. Viele verstehen ihr Thriller-, aber nicht ihr Psychohandwerk. Dies ist nun bei Baby Jane ganz anders. Der Streifen ist zum einen filmisches Meisterwerk, zum anderen schafft er es, seine ziemlich abgefahrene Geschichte plausibel zu verkaufen. Er geht gleich gut los: Die blonde, süße, etwa zehnjährige Baby Jane" ist Kinderstar und schon reichlich verzickt; die Schwester muss zusehen. Absolut überzeugend sehen wir, wie die Göre ihre Eltern erpressen kann und ahnen, was später kommt. Und zwar: Schwester Blanche ist 1935 ein Filmstar, Baby Jane" eine Niete, aber Blanche hat sich ausbedungen, dass Jane Rollenangebote gemacht werden müssen. Amüsant, wie zwei Filmschaffende anhand von Bette-Davis-Material aus den Dreißigern lästern, wie schlecht Jane sei (die als gealterte Frau von Bette Davis verkörpert werden wird). Dann kommt es zu einem mysteriösen Autounfall und zu den Credits. Danach die Haupthandlung, die in der Gegenwart (1962) spielt: Jane ist eine heruntergekommene Schlampe, Blanche (Joan Crawford) querschnittsgelähmt. Die beiden leben zusammen, und Jane macht Blanche das Leben zur Hölle. Ein paar wunde Punkte scheint sie aber doch zu haben: Auf den Unfall, durch den Blanche gelähmt wurde, darf man sie nicht ansprechen, und ihrem Kinderruhm trauert sie immer noch nach.

    Jane unterbindet alle Versuche Blanches, aus ihrem Gefängnis auszubrechen, es kommt zu Gewalt und Mord. Ein heruntergekommener Klavierklimperer (mit dem Jane alte Revuenummern aufführen will, der aber nur auf ihr Geld aus ist) ruft dann aber doch die Polizei, als er die Schwester gefesselt und geknebelt findet. Jane flieht mit Blanche an den Strand, Blanche ist so geschwächt und geschunden, dass sie dem Tod nahe ist. Sie verrät Jane, dass Jane Blanche gar nicht zum Krüppel gefahren hat, sondern Blanche sich selbst, als sie versucht hatte, Jane umzubringen. Jane war allerdings so betrunken, dass sie die offizielle Version geglaubt hatte, selbst gefahren zu sein. Blanches Rache an Jane war, diese Legende aufrechtzuerhalten; damit hat sie Janes Leben, aber letztlich auch ihr eigenes zerstört. Jane lässt sich, befreit von der damaligen Schuld, mit einem Lächeln und großer Geste verhaften (da könnte die Verhaftung Norma Desmonds aus Billy Wilders Sunset Boulevard Pate gestanden haben), Blanche bleibt am Strand liegen und stirbt (vermutlich).

    Glückwunsch, Herr Aldrich, Sie haben es geschafft, mich zu verarschen. Wieder einmal bin ich einer geschickten Manipulation aufgesessen, denn der Unfall wird so gezeigt, dass im Nachhinein die "wahre" Version auch die plausible ist; aber die ganze Zeit hat man gehört, Jane hätte Blanche angefahren, und da habe ich's halt geglaubt. Wieder einmal ein Beweis, dass wir uns das, was zwischen den Bildern geschieht, im Film wie im Leben zusammenreimen, dadurch Vorurteile bestehen, wir falsche Zeugenaussagen machen, Dinge verzerrt und voreingenommen wahrnehmen etc. So auch hier; man reimt es sich so zusammen, wie es gewesen sein muß" Jane die Böse, Blanche die Gute, und die bewusst selektiven Bilder des Unfalls und die nachfolgende Ellipse von 27 Jahren biegt man sich halt zurecht. Da kommt man einmal zum Nachdenken über die eigenen Unzulänglichkeiten, und das ist schon ein Verdienst des Films für sich.

    Betrachtet man ihn dergestalt von hinten", rückschauend mit dem Wissen, was wirklich mit Baby Jane geschah, so wird einiges klar, was vorher ein wenig unlogisch schien. Blanche ist zum Teil auf eine fest unerträgliche Art auch noch dann voller Verständnis für Jane, als diese ihr die größten Gemeinheiten antut. Blanche lässt viele Gelegenheiten ungenutzt, um aus ihrem Gefängnis auszubrechen. Warum wirft Blanche die Nachricht nicht gleich noch einmal aus dem Fenster, als das das erste Mal misslingt, Jane sie findet und Blanche wieder gibt (!)? Warum schreit sie nicht laut, da doch das Fenster offen ist und die neugierige Nachbarin draußen? Warum heißt der Film eigentlich so, wie er heißt? Warum hat Jane zwar ein Talent, die gefühlvolle, freundliche Stimme ihrer Schwester nachzumachen, aber klingt grauenvoll, wenn sie singt? Insgesamt ist das ein Film über ein beunruhigendes Maß an Zerstörung und vor allem Selbstzerstörung zweier gescheiterter Existenzen, und das alles ist eben schon in dem ersten Teil der Vorgeschichte angelegt. Der Neid Blanches, die Divenhaftigkeit Janes, und die Eltern: Einerseits sich von Jane herumkommandieren lassen, da sie das Geld verdient, andererseits das (christlich motivierte?) Gebot der Mutter, Blanche möge es Jane auch ja nicht heimzahlen, wenn es einmal anders komme. An diesem Gebot, zwanghaft von der Mutter wie ein Versprechen abgerungen, zerbricht Blanche; sie hält es scheinbar zunächst ein, aber mit dem Unfall und der Lüge hat sie nicht nur Janes Leben zerstört, sondern auch ihr eigenes. Ihren Qualen möchte sie manchmal entkommen, aber eben nie mit der letzten Konsequenz, sie nimmt das vielleicht wie eine Strafe zur Sühne hin. Wer hier die Schwester quält, quält noch stärker sich. Das gilt auch für Jane, der ja in den Momenten ihrer mitunter äußerst brutalen Aktionen ihre eigene verkommene Existenz vor Augen geführt wird. Oder auch, wenn sie Blanche imitiert: Bezeichnenderweise tut sie dies einmal, um telefonisch noch an Alkoholika zu kommen, da Blanche eigentlich angeordnet hatte, dass Alkoholikerin Jane nichts mehr zu Trinken bestellen dürfe. Jane kann Blanche nachmachen, in allen Lebenslagen, nur nicht in der Kunst, da sind Jane und Blanche verschieden. Ansonsten aber, das zeigen sowohl die Imitier-Aktionen von Jane als auch die Lüge von Blanche, sind sie im Grunde eine Person; am Ende ist ein Teil dieser Person tot, ein anderer befreit.

    Daneben ist der Film solides Thrillerhandwerk, mit häufigem Suspense durch Parallelmontagen (Jane ist aus dem Haus, Blanche tüftelt einen Flucht-Trick aus oder möchte Hilfe holen; wird Jane, die schon auf dem Heimweg ist, das verhindern?) und durch den geschickten Einsatz von dem Bild der Treppe, die ersten Stock und Erdgeschoß verbindet. Oben ist Blanche und kann nicht herunter, unten ist Jane und schaltet und waltet nach Gutdünken, reißt Telefonkabel heraus, überwacht die Treppe zu Blanches Gefängnis; diese Treppe trennt zwei Welten (die dann doch nur Teil einer Welt sind), wenn die Grenze jemand überschreitet, schlägt der Psychohorror um in brutale Gewalt. Als Blanche es einmal die Treppe herunter zum Telefon geschafft hat, wird sie von Jane brutal zusammengeschlagen. Als eine Freundin von Blanche es nach oben geschafft hat und die Qual von Blanche entdeckt, wird sie von Jane ermordet.

    Dies sind die Gründe, weswegen ich einen seltenen Glücksfall von gelungenem Thriller und gelungener Psychologie sehe; hinzu kommen exzellente Darsteller; vor allem Bette Davis, die so häßlich und grauenvoll geschminkt ist, dass es fast schon gefährlich ist: Ach, seht doch mal, was ich mir zutraue!" Dass ich das aber keine Minute dachte, liegt eben daran, dass sie nicht in allen Momenten das brutale Miststück ist, dass immer wieder Verletzlichkeit, Traurigkeit, sogar ein Hauch von vergangener Schönheit aufblitzen; das ist eine große schauspielerische Leistung.

    Was sonst noch war: Figuren und das Drehbuch lassen den Film als interessantes Produkt einer Übergangsperiode erkennen. 1962 war für Schwarzweißfotografie recht spät, diese macht sich aber sehr gut, vor allem bei den Kontrasten durch Bette Davis' viel zu grell geschminktes Gesicht, das schlicht weiß aussieht. Den herrlichen Nebenfiguren des erwähnten Pianisten und seiner Mutter merkt man ebenfalls eine neue Zeit an; die beiden sehen ganz anders aus, als Menschen in Schwarzweißfilmen für gewöhnlich aussehen. Sie sind heruntergekommen, aber ohne den Glanz, den Bogey u.a. diesen Typen noch verliehen. Der Sohnemann ist ein unvorteilhaftes Riesenbaby, schätzungsweise 2 m groß, recht dick und etwas ordinär, mit nur mühsam gepflegten Haaren, ganz anders als in den Fünfzigern. Und er sagt Sachen, die das Totenglöckchen des Hays Code läuten. Als die Mutter sich beschwert, er möge nicht zu Jane gehen, da die sich auch schon mal mit wildfremden Typen einlasse, schreit der Sohn, das sei der Mutter ja wohl nicht unbekannt, denn so einer Verbindung verdanke er ja sein Leben. Uiuiui, was da das X-Rating fällig? Und dieser ordinäre Typ ruft immerhin noch die Polizeizwar schon stockbesoffen und zunächst recht ungeschickt, aber er hat noch den Anstand, den Jane und letztlich auch Blanche nicht hatten. Er ist auch die ganze Zeit nicht so sonderlich unsympathisch, eher ist es ein bisschen komisch, wie er versucht, Jane bei ihrer Eitelkeit zu packen, um damit an ihr Geld zu kommen. Die Miststücke sind hier die Schwestern, nicht der asoziale" Klavierspieler.

    Andererseits: Einmal erfahren wir, dass Jane ein schlimmes Wort aufgeschrieben hat, ohne dass uns gesagt wird, worum es sich handelt. Vielleicht war das Hays Office da wieder versöhnt?!? Wie dem auch sei, man spürt den frischen Wind, der da weht.

    Das soll's aber nun endgültig gewesen sein, ich kann nur jedem raten, den Film zu sehen.
    • War diese Mitgliederkritik hilfreich?
    • (5) Ja |
    •  Nein (0)

Alle Kritiken

(5)
  • Psychoterror zwischen zwei Schwestern

    Bewertung - 5.0 Sternen  
    Nach Dana09 (20 Kritiken) , 23. Mai 2012
    Dieser Klassiker gehört zu meinen Lieblingsfilmen. Obwohl schon mindestens 20 Mal gesehen, ist er immer wieder spannend. Das Spiel der beiden gealterten Diven Davis und Crawford ist grandios. Sogar die Filmemacher waren damals skeptisch und waren von der Darstellung Ihrer Hauptdarstellerinnen angenehm überrascht.

    Besonders Bette Davis gefällt mir in der Rolle der psychisch kranken Schwester - Idealbesetzung.

    Allen, denen dieser Film gefällt empfehle ich 'Wiegenlied für eine Leiche', ebenfalls mit Bette Davis in der Hauptrolle.
    • War diese Mitgliederkritik hilfreich?
    • (0) Ja |
    •  Nein (0)
  • Spannend und super gespielt

    Bewertung - 4.0 Sternen  
    Nach sarahantonia (49 Kritiken) aus Mainz , 31. Aug 2010
    Der Film ist gut aufgebaut, die Lage zwischen den Schwestern spitzt sich langsam aber sicher immer mehr zu und man fragt sich, was als nächstes passiert. Ein Psychothriller erster Klasse mit einem schockierenden und überraschendem Ende.
    • War diese Mitgliederkritik hilfreich?
    • (0) Ja |
    •  Nein (0)
  • Vorgängertypus zu Hitchocks Erfolgsfilmen

    Bewertung - 4.0 Sternen  
    Nach ein mitglied aus Schriesheim , 31. Mai 2009
    Hitchock muss diesen Film kennen und davon fasziniert gewesen sein. Spannung, wahre filmische Qualität und klassische Filmmuster, die niemals veralten, vereinigen sich in diesem Film. Gute Darstellung der Psychologischen Aspekte des menschlichen Lebens und wohin sie führen kann.

    Die beiden Schauspielerinnen, insb. Betty Davis zeigt, wie man 'spielt'.
    • War diese Mitgliederkritik hilfreich?
    • (2) Ja |
    •  Nein (2)
  • Zwei große Diven, ein Hit!

    Bewertung - 5.0 Sternen  
    Nach ein mitglied aus Ingolstadt , 20. Jul 2008
    Dieses Werk gehört zu den Filmen die man gesehen haben muß um überhaupt zu wissen wo der Bartl den Most holt...wie man hier in Bayern so sagt. Davis und Crawford in absoluter Höchstform, das ist absolute Schauspielkunst! Anschaun!
    • War diese Mitgliederkritik hilfreich?
    • (2) Ja |
    •  Nein (1)
  • Mitgliederkritik

    Bewertung - 5.0 Sternen  
    Nach ein mitglied aus DE , 19. Jul 2008
    ACHTUNG: Ich habe die folgende recht lange Rezension mal aus Spaß an der Freud der Filmanalyse geschrieben. Ob das was taugt, beurteilt bitte selbst, aber WARNUNG: Der Plot und das Ende werden verraten...

    Psychothriller ist ein weit gespannter und manchmal etwas inflationär gebrauchter Begriff. Viele verstehen ihr Thriller-, aber nicht ihr Psychohandwerk. Dies ist nun bei Baby Jane ganz anders. Der Streifen ist zum einen filmisches Meisterwerk, zum anderen schafft er es, seine ziemlich abgefahrene Geschichte plausibel zu verkaufen. Er geht gleich gut los: Die blonde, süße, etwa zehnjährige Baby Jane" ist Kinderstar und schon reichlich verzickt; die Schwester muss zusehen. Absolut überzeugend sehen wir, wie die Göre ihre Eltern erpressen kann und ahnen, was später kommt. Und zwar: Schwester Blanche ist 1935 ein Filmstar, Baby Jane" eine Niete, aber Blanche hat sich ausbedungen, dass Jane Rollenangebote gemacht werden müssen. Amüsant, wie zwei Filmschaffende anhand von Bette-Davis-Material aus den Dreißigern lästern, wie schlecht Jane sei (die als gealterte Frau von Bette Davis verkörpert werden wird). Dann kommt es zu einem mysteriösen Autounfall und zu den Credits. Danach die Haupthandlung, die in der Gegenwart (1962) spielt: Jane ist eine heruntergekommene Schlampe, Blanche (Joan Crawford) querschnittsgelähmt. Die beiden leben zusammen, und Jane macht Blanche das Leben zur Hölle. Ein paar wunde Punkte scheint sie aber doch zu haben: Auf den Unfall, durch den Blanche gelähmt wurde, darf man sie nicht ansprechen, und ihrem Kinderruhm trauert sie immer noch nach.

    Jane unterbindet alle Versuche Blanches, aus ihrem Gefängnis auszubrechen, es kommt zu Gewalt und Mord. Ein heruntergekommener Klavierklimperer (mit dem Jane alte Revuenummern aufführen will, der aber nur auf ihr Geld aus ist) ruft dann aber doch die Polizei, als er die Schwester gefesselt und geknebelt findet. Jane flieht mit Blanche an den Strand, Blanche ist so geschwächt und geschunden, dass sie dem Tod nahe ist. Sie verrät Jane, dass Jane Blanche gar nicht zum Krüppel gefahren hat, sondern Blanche sich selbst, als sie versucht hatte, Jane umzubringen. Jane war allerdings so betrunken, dass sie die offizielle Version geglaubt hatte, selbst gefahren zu sein. Blanches Rache an Jane war, diese Legende aufrechtzuerhalten; damit hat sie Janes Leben, aber letztlich auch ihr eigenes zerstört. Jane lässt sich, befreit von der damaligen Schuld, mit einem Lächeln und großer Geste verhaften (da könnte die Verhaftung Norma Desmonds aus Billy Wilders Sunset Boulevard Pate gestanden haben), Blanche bleibt am Strand liegen und stirbt (vermutlich).

    Glückwunsch, Herr Aldrich, Sie haben es geschafft, mich zu verarschen. Wieder einmal bin ich einer geschickten Manipulation aufgesessen, denn der Unfall wird so gezeigt, dass im Nachhinein die "wahre" Version auch die plausible ist; aber die ganze Zeit hat man gehört, Jane hätte Blanche angefahren, und da habe ich's halt geglaubt. Wieder einmal ein Beweis, dass wir uns das, was zwischen den Bildern geschieht, im Film wie im Leben zusammenreimen, dadurch Vorurteile bestehen, wir falsche Zeugenaussagen machen, Dinge verzerrt und voreingenommen wahrnehmen etc. So auch hier; man reimt es sich so zusammen, wie es gewesen sein muß" Jane die Böse, Blanche die Gute, und die bewusst selektiven Bilder des Unfalls und die nachfolgende Ellipse von 27 Jahren biegt man sich halt zurecht. Da kommt man einmal zum Nachdenken über die eigenen Unzulänglichkeiten, und das ist schon ein Verdienst des Films für sich.

    Betrachtet man ihn dergestalt von hinten", rückschauend mit dem Wissen, was wirklich mit Baby Jane geschah, so wird einiges klar, was vorher ein wenig unlogisch schien. Blanche ist zum Teil auf eine fest unerträgliche Art auch noch dann voller Verständnis für Jane, als diese ihr die größten Gemeinheiten antut. Blanche lässt viele Gelegenheiten ungenutzt, um aus ihrem Gefängnis auszubrechen. Warum wirft Blanche die Nachricht nicht gleich noch einmal aus dem Fenster, als das das erste Mal misslingt, Jane sie findet und Blanche wieder gibt (!)? Warum schreit sie nicht laut, da doch das Fenster offen ist und die neugierige Nachbarin draußen? Warum heißt der Film eigentlich so, wie er heißt? Warum hat Jane zwar ein Talent, die gefühlvolle, freundliche Stimme ihrer Schwester nachzumachen, aber klingt grauenvoll, wenn sie singt? Insgesamt ist das ein Film über ein beunruhigendes Maß an Zerstörung und vor allem Selbstzerstörung zweier gescheiterter Existenzen, und das alles ist eben schon in dem ersten Teil der Vorgeschichte angelegt. Der Neid Blanches, die Divenhaftigkeit Janes, und die Eltern: Einerseits sich von Jane herumkommandieren lassen, da sie das Geld verdient, andererseits das (christlich motivierte?) Gebot der Mutter, Blanche möge es Jane auch ja nicht heimzahlen, wenn es einmal anders komme. An diesem Gebot, zwanghaft von der Mutter wie ein Versprechen abgerungen, zerbricht Blanche; sie hält es scheinbar zunächst ein, aber mit dem Unfall und der Lüge hat sie nicht nur Janes Leben zerstört, sondern auch ihr eigenes. Ihren Qualen möchte sie manchmal entkommen, aber eben nie mit der letzten Konsequenz, sie nimmt das vielleicht wie eine Strafe zur Sühne hin. Wer hier die Schwester quält, quält noch stärker sich. Das gilt auch für Jane, der ja in den Momenten ihrer mitunter äußerst brutalen Aktionen ihre eigene verkommene Existenz vor Augen geführt wird. Oder auch, wenn sie Blanche imitiert: Bezeichnenderweise tut sie dies einmal, um telefonisch noch an Alkoholika zu kommen, da Blanche eigentlich angeordnet hatte, dass Alkoholikerin Jane nichts mehr zu Trinken bestellen dürfe. Jane kann Blanche nachmachen, in allen Lebenslagen, nur nicht in der Kunst, da sind Jane und Blanche verschieden. Ansonsten aber, das zeigen sowohl die Imitier-Aktionen von Jane als auch die Lüge von Blanche, sind sie im Grunde eine Person; am Ende ist ein Teil dieser Person tot, ein anderer befreit.

    Daneben ist der Film solides Thrillerhandwerk, mit häufigem Suspense durch Parallelmontagen (Jane ist aus dem Haus, Blanche tüftelt einen Flucht-Trick aus oder möchte Hilfe holen; wird Jane, die schon auf dem Heimweg ist, das verhindern?) und durch den geschickten Einsatz von dem Bild der Treppe, die ersten Stock und Erdgeschoß verbindet. Oben ist Blanche und kann nicht herunter, unten ist Jane und schaltet und waltet nach Gutdünken, reißt Telefonkabel heraus, überwacht die Treppe zu Blanches Gefängnis; diese Treppe trennt zwei Welten (die dann doch nur Teil einer Welt sind), wenn die Grenze jemand überschreitet, schlägt der Psychohorror um in brutale Gewalt. Als Blanche es einmal die Treppe herunter zum Telefon geschafft hat, wird sie von Jane brutal zusammengeschlagen. Als eine Freundin von Blanche es nach oben geschafft hat und die Qual von Blanche entdeckt, wird sie von Jane ermordet.

    Dies sind die Gründe, weswegen ich einen seltenen Glücksfall von gelungenem Thriller und gelungener Psychologie sehe; hinzu kommen exzellente Darsteller; vor allem Bette Davis, die so häßlich und grauenvoll geschminkt ist, dass es fast schon gefährlich ist: Ach, seht doch mal, was ich mir zutraue!" Dass ich das aber keine Minute dachte, liegt eben daran, dass sie nicht in allen Momenten das brutale Miststück ist, dass immer wieder Verletzlichkeit, Traurigkeit, sogar ein Hauch von vergangener Schönheit aufblitzen; das ist eine große schauspielerische Leistung.

    Was sonst noch war: Figuren und das Drehbuch lassen den Film als interessantes Produkt einer Übergangsperiode erkennen. 1962 war für Schwarzweißfotografie recht spät, diese macht sich aber sehr gut, vor allem bei den Kontrasten durch Bette Davis' viel zu grell geschminktes Gesicht, das schlicht weiß aussieht. Den herrlichen Nebenfiguren des erwähnten Pianisten und seiner Mutter merkt man ebenfalls eine neue Zeit an; die beiden sehen ganz anders aus, als Menschen in Schwarzweißfilmen für gewöhnlich aussehen. Sie sind heruntergekommen, aber ohne den Glanz, den Bogey u.a. diesen Typen noch verliehen. Der Sohnemann ist ein unvorteilhaftes Riesenbaby, schätzungsweise 2 m groß, recht dick und etwas ordinär, mit nur mühsam gepflegten Haaren, ganz anders als in den Fünfzigern. Und er sagt Sachen, die das Totenglöckchen des Hays Code läuten. Als die Mutter sich beschwert, er möge nicht zu Jane gehen, da die sich auch schon mal mit wildfremden Typen einlasse, schreit der Sohn, das sei der Mutter ja wohl nicht unbekannt, denn so einer Verbindung verdanke er ja sein Leben. Uiuiui, was da das X-Rating fällig? Und dieser ordinäre Typ ruft immerhin noch die Polizeizwar schon stockbesoffen und zunächst recht ungeschickt, aber er hat noch den Anstand, den Jane und letztlich auch Blanche nicht hatten. Er ist auch die ganze Zeit nicht so sonderlich unsympathisch, eher ist es ein bisschen komisch, wie er versucht, Jane bei ihrer Eitelkeit zu packen, um damit an ihr Geld zu kommen. Die Miststücke sind hier die Schwestern, nicht der asoziale" Klavierspieler.

    Andererseits: Einmal erfahren wir, dass Jane ein schlimmes Wort aufgeschrieben hat, ohne dass uns gesagt wird, worum es sich handelt. Vielleicht war das Hays Office da wieder versöhnt?!? Wie dem auch sei, man spürt den frischen Wind, der da weht.

    Das soll's aber nun endgültig gewesen sein, ich kann nur jedem raten, den Film zu sehen.
    • War diese Mitgliederkritik hilfreich?
    • (5) Ja |
    •  Nein (0)
 

Sind Sie der gleichen Meinung? Schreiben Sie Ihre eigene Kritik

Bitte melden Sie sich bei LOVEFiLM an, um eine Kritik zu verfassen

Anmelden bei LOVEFiLM

Noch kein Mitglied?

Jetzt anmelden und 30 Tage testen