Chemie: gut aber Geographie: mangelhaft
Nach StefKev
(102 Kritiken)
aus Brühl
, 30. Sep 2010
[Hoch bewerteter Kritikenschreiber]
[Hoch bewerteter Kritikenschreiber]
Als ihr Freund Jeremy ihr erneut keinen Heiratsantrag macht, bevor er zum Kardiologen-Kongress nach Dublin fliegt, hat Architektin Anna keine Lust mehr, weiter zu warten. Gemäß einer angeblich irischen Familientradition darf sie als Frau ihm in einem Schaltjahr am 29. Februar einen Antrag machen. Kurzentschlossen fliegt sie von Boston gen Dublin, landet jedoch aufgrund von Wetterwidrigkeiten stattdessen in der irischen Pampa. Ihr ebenso stoischer wie ob der Ungeschicklichkeiten der amerikanischen Großstadtpflanze auf unbekanntem ländlichen Terrain permanent belustigte einheimischer Reisegefährte namens Declan ist auf der holprigen Tour gen Dublin zumeist keine große Hilfe. - Diese romantische Komödie ist zwar Dutzendware, aber gar nicht mal so schlecht. Was vor allem der äußerst stimmigen Chemie zwischen den Hauptdarstellern Amy Adams und Matthew Goode geschuldet ist. Die sich entspinnende Romanze und die Irrfahrt durch die irische Provinz sind durchaus ganz amüsant, allerdings wenig überraschend. Schlimmer ergeht es da schon dem heimlichen Hauptdarsteller Irland; der vorgebliche Trumpf des Films entpuppt sich als seine größte Schwäche. Man muss kein großer Kenner des Landes sein, um zu merken, dass hier rein gar nichts stimmt. Es ist wohl nur mit einer äußerst amerikanischen Interpretation von Geographie erklärbar, wie ein Schiff, dass von Wales aus schnurstracks auf die irische Ostküste zusteuert, stattdessen in Dingle an der Westküste (also auf genau der entgegengesetzten Seite des Landes) anlandet. In ähnlichem Stil geht es weiter: Die Wicklow Mountains sind auf einmal in Tipperary und spätestens bei der Szenerie mit der Burgruine dürfte auch dem naivsten Zuschauer auffallen, wie hier Bilder und Landschaften geklebt und montiert wurden. Drehbuchautor und Regisseur pflegen offenbar ein von wenig Sachkenntnis getrübtes ebenso nostalgisches wie frei erfundenes Photoshop-Bild von Irland: Irish Breakfast ist unbekannt, die Autos fahren seltsamerweise auf der rechten Seite, der Einheimische hört zwar Folk Rock, jedoch von einer US-Gruppe (Flogging Molly) und die in sich nicht mal ansatzweise stimmige Tour gen Dublin führt erstaunlicherweise nur über holprige Schotterpisten, obwohl Irland tatsächlich über ein gutes Netz ebenso ausgebauter wie meist neuer Hauptstraßen, teilweise sogar über Autobahnen verfügt. Die Ungereimtheiten setzen sich auch in anderer Hinsicht munter fort. So ist die Hauptdarstellerin für die Jahreszeit recht unpassend luftig bekleidet. Declan und Anna retten sich vor einem Hagelschauer in einer Kirche; die darauf folgende Hochzeit vollzieht sich dafür bei bestem Frühsommer-Wetter komplett im Freien. Das ist für Ende Februar schon sehr schräg. Schließlich scheint es von Anfang an nichts Dringlicheres zu geben, als dass Anna sofort und unverzüglich in Dublin eintrifft, um ihren Termin noch einzuhalten. Im Laufe des Films wird jedoch endlos rumgetrödelt und der enge Zeitplan entpuppt sich stattdessen als verlängertes Wochenende, das eigentlich keinen Anlass zur Panik böte. - Zusammenfassend ist dies wohl das zusammengehauenste und schlecht recherchierteste Drehbuch, was seit langer Zeit verfilmt wurde. Das ist schade, weil der Film - wie gesagt - eigentlich ganz nett ist. Wer sich von den (tatsächlich existierenden) schönen Landschaften zu einem Irland-Besuch anreizen lässt, sollte allerdings vielleicht mit etwas mehr Realismus seine Reise aufnehmen.
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