Gepflegte Langeweile im Wolkenkuckucksheim
Nach StefKev
(103 Kritiken)
aus Brühl
, 08. Feb 2010
[Hoch bewerteter Kritikenschreiber]
[Hoch bewerteter Kritikenschreiber]
Kritiker haben auch nicht immer recht. Derzeit überschlagen sie sich geradezu vor Lobhudelei für einen eher kleinen, unspektakulären Film, heben seinen sozialkritischen Ansatz hervor, goutieren seinen scharfzüngigen Witz und berauschen sich an den Darsteller-Leistungen. Was nicht erwähnt wird, ist, dass viele Zuschauer sich in diesem Film entsetzlich langweilen werden und der übersichtliche Plot durch seine arg konventionelle Machart über Gebühr ausgewalzt wird. - Ryan Bingham ist für die Abwicklung von Mitarbeitern zuständig. Im Auftrag feiger Firmen reist er kreuz und quer durch die Staaten, um nichtsahnenden Angestellten die unfrohe Botschaft ihrer Kündigung zu überbringen. Binghams Statussymbole sind gesammelte exklusive Kundenkarten, seine Währung Flugmeilen und nach Möglichkeit vermeidet er es, zu viel Zeit auf dem Boden oder gar in seiner kahlen Wohnung zu verbringen. Ihm droht ein jäher Sturz aus seinem Wolkenkuckucksheim, als seine ehrgeizige junge Kollegin Natalie sich für die Kündigung per Videotelefonat stark macht, was das uneffiziente ständige Reisen überflüssig machen würde. Während er als alter Dinosaurier Natalie auf seine Reisen mitnimmt, um sie von seiner sozialeren Sichtweise zu überzeugen, ist er gleichzeitig gezwungen, sich selbst und seine sozialen Beziehungen auf den Prüfstand zu stellen, da Bonusmeilen allein auf die Dauer auch nicht glücklich machen.
Es müsste George Clooney irgendwann mal langweilen, immer wieder nur den schmucken Dressman zu spielen. Als perfekter Mann von Welt mit dezent-unaufdringlichem Charme und gepflegter Erscheinung bewegt er sich auf allen filmischen Ebenen von der Kaffeewerbung bis zum Kriegsfilm. Man würde ihn gerne mal in einer völlig anderen Rolle sehen, da er durch das ständige Aufwärmen des Ewig-gleichen als Schauspieler schon reichlich überbewertet wird. Richtig warm wird der Zuschauer eigentlich nie mit seiner Darstellung des Ryan Bingham. Zu klar ist, dass jemand, der permanent Leute aufs Abstellgleis geleitet, selbst irgendwann dort landet. Und dass jemand, der sich mit seinem Kopf nur in den Wolken bewegt, am besten auch dort bleibt, weil er unten am Boden dann irgendwann auch nichts mehr hat, wofür sich das Landen lohnt. In den USA bedarf es anscheinend immer eines Filmes, um Probleme aufzuzeigen, den Finger in die Wunde zu legen und Nachdenken und Diskussion anzuregen. Weshalb der große Erfolg dieses Films dort nicht ganz so überraschend ist, wie es scheint. Im alten Europa dominiert glücklicherweise noch das Befremden über die gezeigte soziale Eiseskälte und die Sichtweise dass die Sucht ohnehin privilegierter Menschen nach zusätzlichen Bonusleistungen eine tiefe Ungerechtigkeit in sich trägt. Noch ist dies nicht das vorherrschende gesellschaftliche Klima bei uns. Weshalb es schwer fällt, zu definieren, was der Film eigentlich darstellen will: Tragikomödie, Sozialsatire, Drama, verkappte Liebesgeschichte, von allem etwas? Die Lacher jedenfalls sind sehr rar gesät, zudem sind es fast ausschließlich nicht wirklich witzige Zynismen, die diese auslösen. Wer sich also auf eine leichte Komödie mit einem kleinen belehrenden Anteil eingerichtet hatte, der wird von der dröge bleiernen Atmosphäre dieses Films schier erschlagen. Typisch ist auch, dass der Film vieles anreißt, eine wirkliche Lösung jedoch sowohl seinen Figuen als auch dem Zuschauer schuldig bleibt. Wenn ´s am Boden stinkt, bleibt man halt weit oben, wo man nichts mehr riecht. Wirklich ansehenswert ist das allzu Offensichtliche jedenfalls eher nicht.
- War diese Mitgliederkritik hilfreich?
-
(61) Ja |
-
Nein (22)