Langeweile in Hochglanzbildern
Nach ein mitglied
aus München
, 29. Aug 2008
[Hoch bewerteter Kritikenschreiber]
Herzzerreißende Liebesgeschichten, eingebettet in berühmte historische Ereignisse (bevorzugt Kriege und Katastrophen)... so lautet seit jeher das vermeintliche Erfolgrezept für aufwändig inszenierte Leinwand- und TV-Schmonzetten. VOM WINDE VERWEHT und TITANIC sind klassische Beispiele aus Hollywood, und aus deutschen Landen bekamen wir in den letzten Jahren DER FEUERSTURM oder DIE FLUT serviert. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Lange Zeit dümpelte das große Herz-Schmerz-Melodram mit Geschichtsbezug vor sich hin, bis es von James Cameron wiederentdeckt wurde: Sein grandioses Untergangs-Drama TITANIC von 1997 brach sämtliche Kassenrekorde, wurde mit Preisen nur so überschüttet (unter anderem heimste der Streifen 11 Oscars ein) und führt bis heute die Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten an - ein Triumph in jeder Hinsicht.
Natürlich rieb man sich in den Chefetagen der Majorstudios begeistert die Hände und beschloss, möglichst bald einen ähnlich gestrickten Nachfolger zu drehen. Als Aufhänger der Story entschied man sich für den Angriff Japans auf den amerikanischen Militärstützpunkt Pearl Harbor gegen Ende des Zweiten Weltkriegs: Sonne und Meer... knackige Jungs in feschen Uniformen... liebreizende Krankenschwestern... grimmige Japaner, die sich todesverachtend auf den Feind stürzen... dazu jede Menge Schüsse, Explosionen, Feuer und Rauch und ein Übermaß an Opferbereitschaft und wahrem Heldenmut... und nicht zuletzt ein schmachtender Titelsong, der sich so gut verkaufen sollte, dass er die Herstellungskosten fast im Alleingang wieder reinholt... das musste doch jeden Zuschauer vor Begeisterung aus dem Sessel reißen!
Hätte vielleicht sogar funktioniert, wäre man nicht auf die fatale Idee gekommen, ausgerechnet Krawall-Spezi Michael Bay (THE ROCK, TRANSFORMERS) mit der Regie zu beauftragen. Sicher, auch Cameron galt vor TITANIC eher als Meister in Sachen Action, doch im Gegensatz zu Bay beherrscht er auch die leiseren Töne.
PEARL HARBOR hatte zwar alle Zutaten aus dem Wie-drehe-ich-einen-Blockbuster-Handbuch, doch was am Ende herauskam, war ein peinliches, mit schwülstigem Kitsch und unangebrachtem Hurra-Patriotismus garniertes Krach-Bumm-Spektakel: 178 Minuten Langeweile in Hochglanzbildern, trotz unbestritten toller Aufnahmen und der mit Josh Hartnett, Kate Beckinsale und Ben Affleck durchaus ansehnlichen Besetzung.
Aber - boah ey! - was waren die Amerikaner doch für tollkühne Kerle! Da vergessen zwei ehemals beste Freunde angesichts der feindlichen Übermacht ihren Zwist um eine Frau, springen einfach mal so in ihre Maschinen und nehmen es mit der ganzen japanischen Meute auf, das ist der totale Wahnsinn! Und wie tapfer sie sich später, ungeachtet ihres Zerwürfnisses, auch noch für ein Himmelfahrts-Vergeltungskommando melden, das muss man einfach gesehen haben... oder?
Das Publikum war zu Recht anderer Meinung. Selbst in seiner Heimat blieb PEARL HARBOR weit hinter den Erwartungen der Produzenten zurück, und in Europa floppte der Film völlig. Das mag auch daran liegen, dass es sich bei dieser Geschichte um ein zutiefst amerikanisches Thema (und Trauma) handelt, während das Ende der Jungfernfahrt der TITANIC die ganze Welt schockierte.
Zudem gelang es Cameron, den Zuschauern das Schicksal der beiden Liebenden, Rose und Jack, wirklich nahe zu bringen, und mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio standen ihm zwei exzellente Schauspieler jenseits der gängigen Schönheitsnormen zur Seite. Hartnett, Beckinsale und Affleck hingegen sehen einfach nur gut aus und erfüllen sämtliche Klischees, die ihre Rollen verlangen. Das reicht jedoch nicht, um mit ihnen zu fühlen. Lediglich Cubba Cooding Jr. als mutiger Matrose schafft es, seiner Figur ein wenig Leben einzuhauchen.
PEARL HARBOR ist eine imposante, aber seelenlose Materialschlacht, in der zufällig hin und wieder Menschen auftauchen. Allenfalls Fans der Hauptdarsteller dürften hierbei auf ihre Kosten kommen.
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