Filmkunst in Vollendung
Nach ein mitglied
aus München
, 29. Aug 2008
[Hoch bewerteter Kritikenschreiber]
In den letzten Jahren gab es eine ganze Reihe von Shakespeare-Verfilmungen, die auch erfolgreich im Kino liefen, darunter ROMEO UND JULIA von Buz Luhrmann, mit Claire Dannes und Leonardo DiCaprio, RICHARD III mit Sir Ian McKellen in der Titelrolle, und natürlich HAMLET, HENRY V und VIEL LÄRM UM NICHTS, von und mit Kenneth Brannagh, um nur einige Beispiele zu nennen. Eine der jüngsten Adaptionen nahm sich des vielleicht kontroversesten Werkes des weltberühmten Dichters an.
Ich gebe zu, dass ich DER KAUFMANN VON VENEDIG nie gelesen habe, sondern lediglich in der Filmversion von Michael Radford kenne. Ob es sich dabei um eine werkstreue Umsetzung des Dramas von William Shakespeare handelt, kann ich also nicht beurteilen. Daher bin ich relativ unbefangen an das Werk herangegangen und war davon zutiefst beeindruckt. Wenn Shakespeares Botschaft lautet, dass Vergebung der einzig wahre Weg ist und Rache nur zum Untergang führt, so ist es Radford hervorragend gelungen, diese Aussage präzise herauszuarbeiten.
Die Geschichte erzählt vom venezianischen Kaufmann Antonio (Jeremy Irons), der sich zugunsten seines besten Freundes Bassanio (Joseph Fiennes) ausgerechnet in die Hände des jüdischen Geldverleihers Shylock (Al Pacino) begibt, den er zuvor stets ausgesprochen geringschätzig und sogar feindselig behandelt hat. Mit Hilfe der geliehenen Summe möchte Bassanio um die wunderschöne und wohlhabende Portia (Lynn Collins) werben, um damit sowohl die Liebe seines Lebens für sich zu gewinnen als auch fortan aller finanzieller Sorgen ledig zu sein. Sollte Antonio allerdings nicht in der Lage zu sein, seine Schulden pünktlich zu begleichen, fordert Shylock anstelle von Geld ein Pfund Fleisch seiner Wahl aus dem Körper des Kaufmanns. Antonio, der mit der pünktlichen Rückkehr seiner reich beladenen Flotte rechnet, stimmt dem ungewöhnlichen Handel zu. Während Bassanios Bemühungen um Portia von Erfolg gekrönt sind, versinken Antonios Handelsschiffe in den Fluten des Ozeans. Nun sieht Shylock die Stunde seiner Rache gekommen, und selbst die Dogen und Richter von Venedig müssen die schriftliche Vereinbarung zwischen dem Geldverleiher und dem Kaufmann als rechtmäßig anerkennen. Zutiefst verletzt durch ein Leben voller Kränkungen und besessen vom Wunsch nach Rache, lehnt Shylock jede ihm angebotene Summe ab und beharrt auf das vereinbarte Pfand. Und so erwartet Antonio ein grausames Schicksal...
Shylock, der grimmige alte Jude und Wucherer, der seinen ärgsten Feind, einen aufrechten und ehrbaren Edelmann, quälen und töten will und dazu sogar das Gesetz auf seine Seite bringt... sehr leicht könnte man in DER KAUFMANN VON VENEDIG antisemitische Tendenzen ausmachen. Es ist daher Radfords Feingefühl und der überragenden Darstellung Al Pacinos zu verdanken, dass man als Zuschauer durchaus Verständnis für Shylocks Motive hat, auch wenn man sein Handeln nicht gutheißen kann. Der Film, an faszinierenden Originalschauplätzen gedreht und um historische Genauigkeit bemüht, zeigt eindringlich die widrigen Umständen, unter denen die jüdischen Venezianer damals im Ghetto leben mussten, ständig geschmäht, beschimpft und bedroht. Die täglichen Erniedrigungen haben Shylocks Herz verbittert, doch der Verlust seiner Tochter Jessica, die sich mit einem Christen aus Bassanios Gefolgschaft einlässt und dabei einen Großteil der Barschaft ihres verhassten Vaters stiehlt, ist zuviel des Schlechten und der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Shylocks Wunsch, nach all den Verletzungen, die er ertragen musste, seinem ärgsten Peiniger ebenfalls unermessliche Schmerzen zuzufügen, als sich die Gelegenheit dazu ergibt... wer kann es ihm verdenken?
Wie der gramgebeugte Geldverleiher nicht von Grunde auf böse ist, sondern geprägt durch ein Leben voller Demütigungen und Widrigkeiten, so ist auch der Kaufmann Antonio kein untadeliger Heiliger. Er bespuckt Shylock ohne jeden Grund, nur weil dieser ein Jude ist, und weil es eben den guten Sitten der damaligen Zeit entspricht. Als er jedoch erkennt, in welch missliche Lage ihn seine Überheblichkeit und sein bester Freund Bassanio gebracht haben, beweist er Mut, indem er dem scheinbar unausweichlichen Ende so tapfer wie möglich ins Auge blickt. Bassanio hingegen, dem zuliebe sich Antonio überhaupt erst an Shylock gewandt hat, präsentiert sich zunächst als charmanter, aber auch egoistischer Draufgänger, der zulässt, dass sich Antonio an den Geldverleiher ausliefert. Er nutzt die Zuneigung des älteren Mannes für seine eigenen Zwecke, lässt jedoch nichts unversucht, um seinem Freund in dessen dunkelster Stunde beizustehen. Selbst die liebreizende und engelsgleiche Portia scheint es über Gebühr zu genießen, Shylock weit mehr mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, als es notwendig wäre, um Antonio in letzter Sekunde zu retten. Am Ende kann man für den alten Shylock, der alles riskiert und verloren hat, fast nur Mitleid empfinden.
Shakespeare und Radford beschreiben die Menschen, wie sie sind, mit all ihren guten und schlechten Eigenschaften. Die Sprache des Dichters und die Zeit, in der das Stück spielt, mögen der Vergangenheit angehören, die Thematik selbst ist so aktuell wie eh und je, denn unsere Gesellschaft ist noch immer geprägt von Vorurteilen, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.
Abgesehen davon ist DER KAUFMANN VON VENEDIG Filmkunst in Vollendung, atmosphärisch dicht und spannend inszeniert, bis in die Nebenrollen glänzend besetzt und mit Liebe zum Detail ausgestattet. Großes Kino, wie es sein sollte, nicht nur für Shakespeare-Fans.
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